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Benutzen wir unser Gesundheits-system falsch?


Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.


Als 1989 die Berliner Mauer fiel und aus Ost- und Westdeutschland wieder ein vereintes Deutschland wurde, nahm meine Familie an einem Patenschaftsprogramm teil. Familien aus Westdeutschland wurden mit Familien aus der ehemaligen DDR zusammengebracht. Die Idee dahinter war, dass die Wiedervereinigung nicht nur politisch stattfinden, sondern auch im Alltag der Menschen ankommen sollte.


Aus dieser ostdeutschen Familie entschied sich die damals etwa 16- oder 17-jährige Tochter, in den Westen zu ziehen. Sie begann eine Ausbildung im Betrieb eines Bekannten meiner Familie. Sie kam aus einem Staat, der über Jahrzehnte von einer sozialistischen Planwirtschaft geprägt war. Das Warenangebot war begrenzt, viele Konsumgüter waren knapp oder gar nicht verfügbar. Plötzlich befand sie sich in einer Welt voller Schaufenster, Einkaufszentren und scheinbar unendlicher Auswahl.


Bei ihrem ersten Einkaufsbummel kaufte sie sich ein Paar sehr günstige künstliche Fingernägel aus Plastik. Sie klebte sie auf, das Ergebnis war – wenig überraschend – miserabel. Daraufhin war sie zutiefst enttäuscht und schimpfte: Der ganze Westen sei doch nichts wert. Alles sei Schrott.


Natürlich lag das Problem nicht im Westen. Es lag daran, dass sie aus der riesigen Auswahl ausgerechnet das billigste und schlechteste Produkt ausgewählt hatte und daraus ein Urteil über das gesamte System ableitete.


Manchmal frage ich mich, ob wir mit unserem Gesundheitssystem etwas Ähnliches tun.


Vielleicht benutzen wir es für Aufgaben, für die es ursprünglich gar nicht gedacht war.

Wenn ich von einem Lkw überfahren werde oder nach einem schweren Autounfall lebensgefährlich verletzt bin, dann möchte ich von den besten Chirurginnen und Chirurgen behandelt werden. Ich möchte moderne Intensivmedizin, Hightech-Diagnostik und Menschen, die jahrelang für genau solche Situationen ausgebildet wurden.


Aber gehen wir nicht auch mit vielen anderen Dingen in genau dieses System hinein?

Mit jeder Erkältung. Mit jedem Fieber. Mit jeder kleinen Unsicherheit. Und vor allem mit den diffusen chronischen Beschwerden, für die es oft gar keine eindeutige medizinische Ursache gibt.


Früher waren viele dieser Situationen Teil des Familienwissens. Großmütter wussten, wie man Fieber begleitet, welche Hausmittel guttun, wann Ruhe wichtiger ist als Aktion und wann tatsächlich ärztliche Hilfe notwendig wird. Dieses Erfahrungswissen war nie perfekt und ersetzt selbstverständlich keine moderne Medizin. Aber es war eine wichtige Ebene zwischen "gar nichts tun" und "zum Spezialisten gehen".


Heute scheint diese Ebene vielerorts verloren gegangen zu sein.


Vielleicht erwarten wir vom Gesundheitssystem Antworten auf Fragen, die eigentlich gar nicht in seinen Aufgabenbereich fallen. Wir wünschen uns Lösungen für Erschöpfung, für Stress, für ein Leben, das aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir hoffen auf Diagnosen für Beschwerden, die möglicherweise aus unserem Alltag, unseren Beziehungen, unserer Lebensweise oder unserem Nervensystem entstehen.

Das bedeutet nicht, dass diese Beschwerden eingebildet sind. Im Gegenteil. Sie sind real. Aber vielleicht suchen wir die Lösung manchmal am falschen Ort.


So wie die junge Frau damals den gesamten Westen nach einem Paar billiger Plastiknägel beurteilt hat, beurteilen wir vielleicht gelegentlich das Gesundheitssystem nach Problemen, die es gar nicht alleine lösen kann.


Vielleicht brauchen wir nicht weniger Medizin.

Vielleicht brauchen wir mehr Gesundheitskultur.

Mehr Wissen darüber, wie Gesundheit entsteht. Mehr Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Körpers, wo sie ausreichen. Mehr Begleitung im Alltag. Mehr Berührung, Bewegung, Gemeinschaft und Erfahrung. Und gleichzeitig eine hochentwickelte Medizin für all die Situationen, in denen sie wirklich unverzichtbar ist.


Vielleicht benutzen wir das Gesundheitssystem nicht deshalb falsch, weil wir zu oft hingehen.

Vielleicht benutzen wir es falsch, weil wir von ihm erwarten, etwas zu leisten, was nie seine Aufgabe war.

 
 
 

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