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Alexandertechnik


Die Macht der Gewohnheit


Ursprünglich habe ich mit dem Yoga (und dem Alexander Unterricht) begonnen, weil mich seit meiner Pubertät immer wiederkehrende Schmerzen im unteren Rücken geplagt haben. Je mehr ich mich mit dem Körper und seinen Funktionsweisen beschäftigt habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass mein Körper ein System darstellt, das abhängig von den inneren und äußeren Bedingungen gut oder schlecht funktioniert. Ich lernte und lerne immer noch, dass ich seine Mechanismen auf die Dinge zu reagieren, die ich tagtäglich tue, aktiv beeinflussen kann.


Und das ist nicht nur bei mir so!

Dass Psyche und Physis ein untrennbares Ganzes bilden, ist für unser heutiges ganzheitliches Denken selbstverständlich. Trotzdem begegne ich immer wider Menschen, die, wenn ich sie darauf hinweise, dass ihre körperlichen Beschwerden in Zusammenhang mit ihrer Psyche oder gar ihren Emotionen stehen, glauben, ich halte die für verrückt oder emotional instabil.


Die Art, wie jeder einzelne seinen eigenen Körper gebraucht, hat F. M. Alexander mit dem Wort Selbstgebrauch (Use of Self) beschrieben. Damit ist die Art und Weise gemeint, wie wir mit uns selbst umgehen. F. M. Alexander benannte diesen Selbstgebrauch neben Vererbung und Umwelteinfluss als dritten wichtigen Faktor, der über unser Wohlergehen mit entscheidet. Für mich ist die Art unseres Selbstgebrauchs in der Vererbung und der Umwelt in der wir aufwachsen verwurzelt.


Das Zusammenwirken der einzelnen Körperteile ist von grundlegender Bedeutung für das Funktionieren des gesamten Körpers. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Zusammenwirken von Kopf, Hals und Rumpf mit Brust-, Bauch- und Beckenraum. Wenn diese zentralen Elemente in ihren Funktionen und dem Zusammenwirken gestört sind, hat dies einen Einfluss auf den gesamten Organismus.



Wahrnehmung und zielgerichtetes Handlen


Was unsere Wahrnehmung uns meldet, ist in den meisten Fällen unzuverlässig. Hier kommt die Gewohnheit ins Spiel. Gewohnheiten spielen bei der uns Zuverlässigkeit der Wahrnehmung eine große Rolle, denn wenn wir in Aktion sind, setzen wir sie häufig mit Instinkten gleich.


Mithilfe einer Kombination von Innehalten (also dem nicht nachgehen einer automatischen Reaktion), Beobachtung und bewusster Ausrichtung, lassen sich wirkungsvolle Strategien zur Verbesserung des Selbstgebrauch entwickeln. Ausrichtung kann als eine Anweisung an sich selber verstanden werden. Durch diese Anweisung, steigen wir aus der Schleife der automatisierten Gewohnheit aus und geben unserem Gehirn die Möglichkeit, auf einen anderen motorischen Plan als den uns bekannten und gewohnten zurückzugreifen. Auf diese Weise erreiche wir leichte und gleichzeitig bedeutsame Veränderungen in der Ausführung einer gewohnten Bewegung.


Was unterscheidet nun einen guten von einem schlechten Selbstgebrauch? Bei einem schlechten Selbst-gebrauch ist der Mensch oft zielfixiert, überlässt der Macht der Gewohnheit die Führung und eine fehlerhafte sensorische Wahrnehmung trägt zu einer schlecht funktionierenden Primärsteuerung (also Ausrichtung von Kopf, Hals und Rumpf) bei. Bei einen guten Selbstgebrauch dagegen werden Innehalten, Nichtstun und dem Anweisungen und Richtung geben, Vorrang eingeräumt. Der Weg ist hier das Ziel. Dadurch erreichen wir häufig eine gut funktionierende Primärsteuerung, was bedeutet, dass das Ergebnis oft leichter und deutlich müheloser erreicht wird.



Gewohnheiten - warum auf unsere Wahrnehmung nicht immer Verlaß ist


Gewohnheiten spielen in unserem Leben eine wichtige Rolle – und das ist gut so, denn sie helfen uns dabei, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Wir können beispielsweise Gemüse schneiden und uns gleichzeitig mit jemandem unterhalten, die Zähne putzen und gleichzeitig in Gedanken den vor uns liegenden Tag durchgehen, mit den Fingern eine Computertastatur bedienen und gleichzeitig die Gedanken denken, die wir niederschreiben. Ohne Gewohnheiten könnten wir weder ein Auto durch den Straßenverkehr steuern, noch unser Frühstück genießen. Ohne sie müssten wir jede noch so kleine Handlung bewusst planen und auf andere Aktionen abstimmen. Dann geriete ein Frühstück gleich zu einer mehrstündigen Veranstaltung. Beim Löffeln des Frühstücksbreis würde vor lauter Konzentration der Genuss auf der Strecke bleiben. Im Auto wäre schlicht zu schnell für uns, denn jedes Schalten, Bremsen und Beschleunigen bei gleichzeitigem Lenken erforderte bewusst ausgeführt viel zu viel Zeit. Unser Gefährt würde für uns unbeherrschbar und laufen die wahrscheinlich deutlich schnellere Variante.


Auch unsere bewusste Wahrnehmung ist geprägt von Gewohnheiten und Erfahrungen. Ein und dasselbe Wort wird je nach Person und Situation ganz unterschiedlich gefärbt verwendet und beziehungsweise aufgefasst. Jedes Mal, wenn ich mir bewusst vor Augen führen, wie sehr jeder von uns in seiner eigenen Welt aus Gewohnheiten und Erfahrungen lebt, kommt es mir einem Wunder gleich, dass wir es immer wieder schaffen, über die augenscheinlich gleichen Dinge zu reden und in Diskussionen einen gemeinsamen Konsens zu finden.


Gewohnheiten, so sehr wir sie brauchen, können, wenn sie irgendwann nur noch automatisch ausgeführt werden, auch stören. Sie können nicht nur in der Kommunikation zu Missverständnissen führen, sondern auch unsere Wahrnehmung trüben und uns etwas vorgaukeln. Nur wenn wir wissen, was wir tatsächlich tun, können wir es bewusst verändern oder auch beibehalten. Das Erkennen einer bestimmten Gewohnheit ist also ein wichtiger erster Schritt. Um sie aufzudecken und gegebenenfalls zu verändern, bedarf es einer gehörigen Portion Wachsamkeit und die Bereitschaft, sich auf ungewissen Boden zu begeben. Kommt dann noch die Bereitschaft dazu, sich von anderen Menschen auf seine Gewohnheiten hinweisen zu lassen, stehen die Chancen gut, sie wenigstens erkennen.


Ein weiteres Problem mit Gewohnheiten ist, dass sie in unserer „inneren Bibliothek“, also den Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens gemacht und den Dingen, die wir gelernt haben, ein eigenes Leben geben. Sie tauschen ungefragt die Plätze und auf neue Situation reagieren wie oft so, wie wir es in der Vergangenheit gelernt haben und gewohnt sind. Die ältesten Gewohnheiten drängen sich vor. Das liegt einfach daran, dass die ältesten Gewohnheiten gleichzeitig auch die am meisten eingebundenen sind. Man kann das (unbewusste) zurückgreifen auf sie mit dem Fahren in einer eingefahrenen Spur, eine Art Rinne vergleichen. Möchte jemand diese tief eingefahrene Spur zum ersten Mal verlassen, erfordert dies große Anstrengung und Konzentration, weil eine gänzlich neue Spur bilden muss. Bei der nächsten Fahrt in derselben Rinne ist die Abzweigung schon leichter zu bewältigen, denn sie ist schon vorgeformt und mit etwas Mühe auch erkennbar. Obwohl die neue Spur mit der Zeit immer klarer zu sehen und müheloser zu erreichen ist, so werden wir doch unweigerlich in die alte Spur zurückgleiten, wenn die alte Abzweigung nicht bewusst gesucht und angesteuert. Wenn wir uns diesen Zusammenhang immer wieder bewusst machen, sind wir auch nicht mehr allzu frustriert, wenn wir wieder einmal die Abzweigung verpasst haben und gegen unseren Willen in eine alte Gewohnheit zurück verfallen sind.


Dass wir immer wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen, hat übrigens vor allem für den Körper einen großen Vorteil: Die Veränderung geht sich nicht so schnell vonstatten. Wären wir in der Lage, einmal erkannte Gewohnheiten, zum Beispiel bestimmte Geh-Gewohnheiten, auf der Stelle dauerhaft zu ändern, würde dies in den meisten Fällen eine Überlastung von Muskeln und Bändern bedeuten. Durch diese „Rückfälle“ gestaltet sich der Übergang vom alten zum neuen wesentlich schonender für den Organismus. Auf der zwischenmenschlichen Ebene hat das soziale Umfeld, in dem wir leben, so die Möglichkeit, sich langsam an unseren neuen und veränderten Gewohnheiten zu gewöhnen.


Ein kleines Experiment. Stelle dich seitlich vor einen Spiegel, schau zunächst nicht in den Spiegel, sondern gerade aus und stelle dich so hin, wie es sich für dich gerade und aufrecht anfühlt. Nun drehe nur deinen Kopf zur Seite und schaue, ob sich dein Becken über deinen Fersen befindet. Bei den meisten Menschen ist die nach vorn geschobene Position des Beckens als aufrechtes Stehen abgespeichert. Komme ich zum Beispiel im Yogaunterricht oder in der Einzelarbeit und richte das Becken (mit entspannen und weichen Knien) über den Fersen aus, fühlt es sich für die Teilnehmer (mich selbst eingeschlossen) häufig so an, als würde das Becken übertrieben weit hinten stehen. Wenn die gewohnte Haltung eine ist, bei der der Rücken rund und das Becken nach hinten geschoben wird, ist genau das Gegenteil der Fall:





Wie lässt sich dieser Kreislauf durchbrechen?


Wenn wir einen unbewussten Automatismus unterbrechen möchten, ist es wichtig, dass der Ablauf nicht in der gewohnten Weise beginnt. Dazu ist ein Moment des Innehaltens und achtsamen Wahrnehmens als bewusste Verweigerung von gewohnten Reaktionen auf einen bestimmten Reiz unerlässlich. Wir müssen uns erst einmal darüber im Klaren werden, das wird zu jedem Zeitpunkt eine bewusste Entscheidung treffen können. Sei es, wie wir auf das Klingeln des Telefons reagieren oder auf die innere Entscheidung, am Computer zu arbeiten. In einem Achtsamkeitsseminar ist mal die schöne Idee entstanden, das erste Klingeln des Telefons als eine Erinnerung zu nutzen, um bis zum zweiten Klingeln wahrzunehmen, wie es einem gerade geht. Das lässt sich auf unendlich viele Beispiele im Alltag übertragen.


Welche einfachen Tätigkeiten führst du so oft aus, dass du sie kaum wahrnehmen brauchst? Genau diese Situationen und Tätigkeiten eignen sich wunderbar dafür, das kurze Hinauszögern einer gewohnten Handlung zu üben.


Die nächste Frage, die sich stellt, ist, wie du dich daran erinnern kannst, in geeigneten Situationen aus dem Kreislauf der Gewohnheiten auszubrechen. Eine sehr zuverlässige Gedächtnisstütze sind Beschwerden. Haben schmerzgeplagte Menschen erst einmal gelernt, den Schmerz als Signal zu betrachten, finden Sie in ihm einen guten Lehrer, denn wann immer er sich meldet, erinnert er an den Umgang mit dem eigenen Körper. Der nächste Schritt ist dann, diesen Blick von außen auf dich selber zu werfen und immer wieder zu überprüfen, ob du gewohnheitsmäßig eine Haltung einnimmst oder dich bei Bewegungen, auch wenn du sie schon 10.000 Mal gemacht hast, immer wieder darauf einlässt, neue Aspekte zu entdecken. Das Wahrnehmen der Füße und ihren Kontakt zum Boden sind ein guter Anfang.


Wir alle verfügen über eine große Anzahl von Gedanken- und Verhaltensmustern, die uns jedoch nicht immer dienlich sind. Ein Verhalten oder ein Gedanke, der zu einem früheren Zeitpunkt hilfreich gewesen sein kann, empfinden wir heute möglicherweise als störend. Es fällt uns jedoch oft schwer solche eingefahrenen Muster zu verändern. Das folgende Gedicht spiegelt diesen Prozess wider.

Es zeigt, dass eine Verhaltensänderung meist nicht von heute auf morgen erfolgt, sondern Zeit benötigt. Wir müssen uns der Situation, unserer dysfunktionalen Gedanken- und Verhaltensmuster zunächst bewusst werden und im Anschluss alternative Gedanken und Verhalten erarbeiten und einüben, bis wir in der Lage sind einen anderen Weg zu gehen. Auch das Thema der Schuldzuweisung wird in dem Gedicht aufgegriffen. Wir neigen oft dazu anderen die Schuld für unser Situation, für unser Unglück zuzuweisen. Auch wenn möglicherweise andere zu unserer Situation beigetragen haben, ist eine Schuldzuweisung meist wenig zielführend. Wir können andere nicht ändern, wir können nur uns selbst, unsere Gedanken und Verhaltensweisen verändern.

Das Gedicht mit dem Titel „Autobiography in Five Chapters“ stammt von der amerikanischen Sängerin, Schauspielerin und Autorin, Portia Nelson:

I

Ich gehe eine Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Bürgersteig. Ich falle hinein. Ich bin verloren. Ich bin ohne Hoffnung. Es ist nicht meine Schuld. Es dauert endlos, wieder hinauszukommen.

II

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Bürgersteig. Ich tue so als sähe ich es nicht. Ich falle wieder hinein. Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein. Aber es ist nicht meine Schuld. Immer noch dauert es sehr lange herauszukommen.

III

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Bürgersteig. Ich sehe es. Ich falle schon wieder hinein… aus Gewohnheit. Meine Augen sind offen. Ich weiß, wo ich bin. Es ist meine Schuld. Ich komme sofort wieder heraus.

IV

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Bürgersteig. Ich gehe darum herum.

V

Ich gehe eine andere Straße entlang.






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